Markt Wirtschaft

In den Meldungen ist die Rede von unvorstellbaren Wertverlusten in der Finanzwirtschaft und vom Ende eines Systems. Die Geldbeträge, die zitiert werden, sind für unsereinen jenseits des Fassbaren. Das ist das Schockmoment, aber es wird sofort durch Verständnisversuche aufgefangen. Es ist nicht anders, als nach einem Tsunami oder dem Einmarsch in den Irak.

Wir antworten mit Klischees. Angesichts der Ereignisse ist alles andere unsachgemäß. Und gleichzeitig haben wir Gelegenheit, die Klischees zu zerlegen. Die Washington Post bringt einen hilfreichen Beitrag zur Erklärung der gegenwärtigen Situation. Ein Punkt fällt mir besonders auf.

Die Banken sollen gerettet werden, indem die US-Regierung die problematischen Wertpapiere kauft. Das klingt so, als wäre eine Firma auf einer alten Ware sitzengeblieben und würde Hilfe erhalten. So macht man das den Steuerzahlerinnen verständlich, aber der “revolutionäre” Aspekt der Sache geht tiefer. Die unverkäuflichen Wertpapiere können eben deshalb nicht im Wert bestimmt werden. Wenn der Markt für diese Papierscheine weggebrochen ist, fehlt der Mechanismus, den wir normalerweise zur Bewertung verwenden.

Ein Residuum bleibt zurück. Irgendetwas müssen diese Scheine doch wert sein. Wie ist das zu definieren? Damit verbindet sich die interessante Frage, wieviel Geld der Staat investieren soll/muss, um “Werte” zu erwerben, die sich aus den ökonomischen Transaktionen disqualifiziert haben – und damit die Ökonomie im Ganzen bedrohen.

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Markenname Wittgenstein

Das diesjährige Wittgensteinsymposium über “Reduktion und Elimination in Philosophie und den Wissenschaften” war ambitioniert und sehr gut besucht. Noch stärker, als im vergangenen Jahr, war das Interesse aus dem Osten, nah und fern. Das heißt: Polen, Tschechische Republik, Russland – aber auch Honkog, Taiwan und Japan.

Zur Eröffnung verursachte ein stellvertretender Sektionschef aus dem Wissenschaftministerium eine leichte Befremdung, als er den Wittgensteinpreis erwähnte, der mit dem Symposium gar nichts zu tun hat. (Es gibt den Wittgenstein-Preis des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und den Ludwig Wittgenstein Preis der ÖFG.) Aber die Veranstaltung selbst war nicht besser.

Man könnte das heurige Symposium ein Anti-Wittgenstein-Symposium nennen. Einprägsam brachte das der bewundernswerte Patrick Suppes auf den Punkt:

Ich bin nun zum 4. Mal hier eingeladen und ich habe noch niemals einen ernstzunehmenden Satz über Wittgenstein gesagt.

Es ist ein einfaches ökonomisches Prinzip: Wer einen Markennamen besitzt, muss daran festhalten, um die Kundschaft nicht zu verwirren. Zum Thema “Reduktionismus” alleine kommen wenige Philosophen aus aller Welt nach Kirchberg. Da muss der Philosoph herhalten, der ein Kronzeuge gegen den Reduktionismus ist.

Die Begutachtungsfrist und der Minister

Heute endet die Begutachtungsfrist zur Novelle des UG 2002. Der Senat der Universität Wien hat

diese Stellungnahme abgegeben.

Das ist ein passender Zeitpunkt, sich nochmals in Erinnerung zu rufen, welche Auffassung von Wissenschaft der derzeit noch amtierende Wissenschaftsminister vertritt. Stefan Weber hat sie vor einiger Zeit zusammengetragen. Damals wurde das rasch applaniert.

UPDATE

Unter dieser Adresse habe ich eine detaillierte Analyse der ersten 100 Seiten der Dissertation (inklusive Faksimiles) hinterlegt.

Video: Hegeldiskussion

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Vor fast genau einem Jahr (6.6.2007) fand im Festsaal der Gesellschaft der Ärzte eine Podiumsdiskussion zur Aktualität Hegels statt. Anlass war die Präsentation eines Buches zur “Phänomenologie des Geistes” (herausgegeben von Thomas Auinger und Friedrich Grimmlinger). Die davon hergestellte DVD habe ich als Webstream zugänglich gemacht.

h.h.

Bedeutungsservice

In einer Lehrveranstaltung über Sokrates in diesem Semester möchte ich eine Verbindung mit Fragen der Wissensgesellschaft herstellen, die ich im vergangenen Jahr behandelt habe. Darum ist mir dieser Satz aus Platons Menon sofort aufgefallen: “Bei den Leuten, die sich erklärtermaßen auf eine nützliche Dienstleistung verstehen …” (91c) Die Sophisten sind danach Vorläufer der post-industriellen, service-orientierten Verhältnisse.

Eine suggestive Übersetzung von Margarita Kranz in der Reclam-Ausgabe. Die ist also garnicht so klassisch, wie ihr Anschein. Schleiermacher übersetzt: “Diese allein unter allen denen, welche sich dafür ausgeben, etwas Gutes erzeigen zu können …” Das klingt nicht so, als ob es sich um dieselbe Textgrundlage handelte. Ist aber textgerecht. “epistastai euergetein”: sich darauf verstehen, Gutes zu tun”.

Ein klassischer Fall von wörtlich gegen suggestiv.

Dazu eine Aussage, die ich gestern auf einem Podcast gehört habe: Unternehmen brauchen “soft skills”. Es ist also nicht nur so, dass wir das in alle Bologna-Curricula zu schreiben versuchen, es gibt wirklich eine Nachfrage. Und dazu, wie die Amis schon so sind, ein passendes Schlagwort: “meaning facilitators”. Übersetzung? Siehe die Überschrift.

The Good, the Bad and the Ugly

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It is interesting that sophisticated philosophers sometimes turn into veritable snobs when it comes to talk about their fellow scholars. There is a market for those “masters of Excellence” intent to demonstrate their superiority by dividing the world into the Good and the Bad. Luciano Floridi is a case in point.

He gave a carefully argued talk at the Kirchberg Symposium this August. His opinions on some of the other presentations are published in a blog entry. He proves himself to be a truely digital (on or off) guy.

“So far, the worst two (but I cannot imagine anything could beat them) are the following.”

There is an attempt at irony when Floridi announces that he will comment “on the sin not the sinner”. We can be more specific here. One of his “worst” talks came from Newton Garver. I actually made radio program based on it. Here are Lucidi’s complaints:

The other talk at the bottom of the list was on silence and grammar in Wittgenstein. There wasn’t anything as bad as the arrogant nonsense and incompetence I illustrated above, the problem was another. It was a long sermon. No thesis stated, no problem tackled, no question answered, no reasoning, no ifs&thens, no nothing. It was not wrong because it was not right either. Goody-goody, probably deeply felt by the speaker and I would say rather convincing in leading the audience. It really made you conclude with an “Amen” at the end of it. But I kept quiet, and I did not leave either; I behaved properly and just made a mental note never to read or listen to this person again. Unlikely, but just in case.

Well, let us not quarrel with tastes and proper behavior, just stick to the facts, which, surprisingly, Lucidi gets completely wrong. As the above audio file (and the audio of the ensuing discussion) clearly show, Newton Garver was proposing at least one controversial thesis which was picked up by several members of the audience less oblivious to the presentation than Mr. I-am-Right.

Wittgenstein, according to Newton Garver, abandoned any attempt to search for truth, proposing “perspicuous representation” instead. (“There are no theses in philosophy.”) This does, indeed, go against the grain of a certain practice of (analytic) philosophy. But it is remarkable that its proponent is not able to even notice the challenge. Especially as Garver’s claim (on behalf of Wittgenstein) was put into question by several contributors during discussion.

E.g., one point I made was that for a presentation to be perspicuous – rather than confusing – a standard has to be presupposed. This is a normative construct that only works within a framework of contestable propositions. So it seems that one cannot escape from reliance on truth by simply abrogating “the quest for truth”.

There is a deep issue involved here, pitting Heidegger and the later Wittgenstein against Oxford-style research (but include Ernst Tugendhat). Unfortunately an occasion to take up this issue was missed.

Zum Aufwachen

Wenn ich (wie im vorigen Beitrag) Dieter Henrich kritisiere, sollte ich auch sagen, was man anders machen kann.

Es ist ein ironischer Umstand, dass Hegel, ein Hauptgewährsmann der klassischen deutschen Philosophie, für die Dieter Henrich so nachdrücklich eintritt, zu den vehementesten Kritikern des Bildungsbegriffes gehört. Ich habe das in einem Vortrag mit Bezug auf die Wikipedia näher ausgeführt.

Zur Einstimmung hier der erste Absatz aus dem Artikel, den ich im Anschluss daran geschrieben habe:

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Zum Einschlafen

Anläßlich eines Artikels über Hegel und die Wikipedia habe ich mich wieder mal nach deutsch-philosophischen Publikationen über Bildung umgesehen. Eben erschienen ist vom alten Meister Dieter Henrich Die Philosophie im Prozeß der Kultur und darin zwei Texte zum Thema. “Menschsein – Bildung – Erkenntnis”. Die Aussicht:

Sie (sc. Bildung) ist der Gewinn und die Ausgestaltung eines Lebens, das sich nicht in Verstellungen verfangen hat und das der Aufgabe nicht ausweicht, die ihm aus seinem ursprünglichen Selbstbewußtsein unabwendbar zuwächst. Auch das ist ein Grund dafür, ihm Souveränität, Allbezüglichkeit und eine wachsende innere Konsistenz zuzusprechen. S. 178

Solche Passagen sind einschläfernd und unbestreitbar zugleich. Ich kann die Sympathie nicht leugnen, die ich dem Versuch entgegenbringe, etwas zu sagen, dem niemand widersprechen kann. Vor allem, wenn die Aufgabe darin besteht, die Hörerinnen davon zu überzeugen, dass sie eigentlich gegen diese Sätze gar nichts haben können. Das ist so wie einer Mittelschulklasse die Aktualität des “Prinz Friedrich von Homburg” nahebringen. Und dennoch ist dieser Duktus der akademischen Betulichkeit kaum erträglich.

Gegensatzpaare

Also gut, hier der erste Entwurf zum Beginn des Artikels “Gegensatz”.

Einen Gegensatz festzustellen impliziert eine Anzahl konzeptueller Voraussetzungen. Der Ausdruck lenkt das Augenmerk auf einen Umstand, als ob er (wie “Affirmation” oder “Ablehnung”) im Singular fassbar wäre. Seine philosophische Grammatik ist in der Wendung “Gegensatzpaar” besser gefasst.

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