Curriculare Arbeitsgruppe (Technik/Naturwissenschaften) 1. Sitzung (09.02.09)

Die erste von zwei oder drei Sitzungen ging nach ca. 3,5 Stunden zu Ende. Die Anzahl der Entscheidungen haben sich nüchtern betrachtet als gar nicht so umfangreich herausgestellt – das Mustercurriculum stellt schon einen gewissen Rahmen dar. Das war jedoch kein Hindernis für ausführliche Diskussionen:

  1. Wie soll man das Studium nennen? Doktorat oder PhD? Vergibt man als akademischen Grad einen traditonell-österreischischen Doktor oder einen Bologna-orientierten PhilosophicalDoctor? Was ich so gehört habe, ist das Ergebnis in den einzelnen Arbeitsgruppen (Lebenswissenschaften, Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften,…)  durchaus unterschiedlich (von den Meinungen der Gruppenvertreter ganz zu schweigen).
  2. Bietet die Nennung von Dissertationsgebieten Raum für fachinterne Ausprägungen (die vielleicht als Masterstudium, nicht aber als Bachelorstudium angeboten werden)? Trennt man fachdidaktische von fachlichen Dissertationsgebieten?
  3. In welchem Umfang sind Lehrveranstaltungen verpflichtend zu absolvieren? Kann man die Teilnahme an Konferenzen/Workshops/Tutorien als eine solche Lehrveranstaltung anrechnen? Soll man die bei beim Betreuer / bei der Betreuerin absolvierten Lehrveranstaltungen limitieren? Soll die Unterscheidung prüfungsimmanent / nicht prüfungsimmanent für die Regelung des Umfangs fallen?
  4. Inwiefern ist in solchen Curricula Raum für interdisziplinäre Zusammenarbeit (Mehrere Betreuer von unterschiedlichen Fakultäten)?

Was mich überrascht hat war – innerhalb einer Diskussion – ein kleines Plädoyier in Richtung humboldtschem Bildungsideal: Es wurde zum Teil die Schaffung der Möglichkeit zu mehr Wissenschaftsethik und Umsicht gerade für die Naturwissenschaften und Technsichen Wissenschaften gefordert, anstatt gezwungen zu sein, ausschließlich im Labor zu sitzen oder Assembler-Code zu schreiben.

You did not really want your soul, right?

Die Amtsverschwiegenheit. Eine juridisch-juristische Exkursion.

Morgen konstituiert sich die curriculare Arbeitsgruppe zur Entwicklung der Studienpläne der naturwissenschaftlichen und technischen PhD- oder Doktorratsstudien. Ich bin Teil der studentischen Kurie (Das Verhältnis Professoren/Mittelbau/Studierende ist ausgewogen: 6/6/6) – eine ganz neue, unbekannte Aufgabe für mich, in die ich eingewilligt habe ohne noch zu wissen, dass sie fast unmittelbar mit der Faustus-Story zu tun hat (vgl. Mustercurriculum § 3 Abs. 2 d und §4).

Ich habe mich gefragt, inwieweit man über Erfahrungen/Ergebnisse aus solchen Sitzungen öffentlich (z.B. in einem Blog) berichten darf, was zwangsläufig mit einer Reise in die Welt der Paragraphen einhergeht:

In der Geschäftsordnung für Kollegialorgane, die auch für curriculare Arbeitsgruppen gilt, findet sich in §3, Absatz 6:

(6) Die Sitzungen der Kollegialorgane sind nicht öffentlich.

Was ja nur heißt, dass mit Ausnahme der Stellvertreter ausschließlich die bestimmten Mitglieder die Sitzungen besuchen dürfen. Weiter:

§ 16. (1) Alle Mitglieder von Kollegialorganen sowie Auskunftspersonen, die an Sitzungen des Kollegialorgans teilgenommen haben, sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.
(2) Keinem Mitglied darf aus seiner Tätigkeit in einem Kollegialorgan ein Nachteil erwachsen.

Außerdem UG 2002:

§ 48. Die Mitglieder von Kollegialorganen und andere Universitätsorgane
sind zur Amtsverschwiegenheit verpflichtet (Art. 20 Abs. 3 B-VG).

Und der Vollständigkeit halber noch das Bundesverfassungsgesetz Artikel 20, Absatz 3:

Alle mit Aufgaben der Bundes-, Landes- und Gemeindeverwaltung betrauten Organe sowie die Organe anderer Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, soweit gesetzlich nicht anderes bestimmt ist, zur Verschwiegenheit über alle ihnen ausschließlich aus ihrer amtlichen Tätigkeit bekannt gewordenen Tatsachen verpflichtet, deren Geheimhaltung im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit, der umfassenden Landesverteidigung, der auswärtigen Beziehungen, im wirtschaftlichen Interesse einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, zur Vorbereitung einer Entscheidung oder im überwiegenden Interesse der Parteien geboten ist (Amtsverschwiegenheit)

In diesem Sinne also zur Sicherheit kein Live-Blogging für morgen 🙂 schlussendlich finden sich zuminest die Ergebnisse aller Sitzungen in den fertigen Studienplänen. Die Vorsitzende muss den/die Studienpläne  spätestens am 3. März 2009 zur 1. Lesung einreichen. Das heißt, bis Ende Februar sollte die Arbeitsgruppe schon ein Curriculum haben, wenn ich das richtig verstehe.

Open Source Evaluation

ws08_09-open_source_philosophie2

In diesem Semester sind die Lehrveranstaltungen der Fakultät für Bildungswissenschaft und Philosophie durch die Studierenden evaluiert worden. Genau betrachtet ist das auch eine Form kooperativer Wissensarbeit. Die Teilnehmerinnen werden eingeladen, ihre Erfahrungen und Einschätzungen zur Verfügung zu stellen. Nur leider haben sie nichts davon, denn die Ergebnisse bleiben unter Verschluss. Das Motiv ist klar: es ist peinlich für jene Kolleginnen und Kollegen, die nicht gut abschneiden.

Dennoch: wenn man das nicht als Maßregelung, sondern als Lernprozess verstünde, könnte sich etwas ändern. Als Gestus in diese Richtung hier das Ergebnis für die Vorlesung “Open Source Philosophie. Es hat den Nachteil, dass es nicht schlecht ausgefallen ist.

Open Source Tugend

Front cover of Areté issue 20, 2006.
Image via Wikipedia

Ich kann nicht behaupten, dass mich die Theorie der Tugend je interessiert hätte. Wenn man über Sokrates und Plato arbeitet, kommt man allerdings nicht ganz daran vorbei. Die “ἀρετή” [Arete: Tauglichkeit, Exzellenz, (sittliche) Vortrefflichkeit] hat eine auffällige Position. Einerseits gibt es “gute” Schuster oder Baumeister, andererseits das Streben nach “dem Guten”. Philosophie appliziert die Qualität, die aus handwerklichen Fertigkeiten bekannt ist, auf das menschliche Leben schlechthin.

Erstaunt und neugierig registrierte ich eine Abhandlung über Commons-based Peer Production and Virtue. Sie enthält eine hervorragende Zusammenfassung der wichtigsten Thesen Yochai Benklers und einen lachhaften Versuch, die ganze Gelehrsamkeit etablierter philosophischer Forschung für die Feststellung zu mobilisieren, dass Tugend zur Mitarbeit an open source Projekten veranlasst und dass solche Projekte umgekehrt zur Tugend verhelfen können.

Zeitgleich bemerkte ich ein persönlicher gewendetes Statement zu diesem Zusammenhang. Peter Fleissner formuliert Thesen zur Wissenschaftspolitik, in denen ebenfalls Wissenschaft, Sittlichkeit und open source zusammengeführt werden

Wissenschaftliches Denken darf nicht auf der Ebene des Positivismus stehenbleiben, sondern muss mit Wertfragen und ethischen Dimensionen zusammengeführt werden. Wissenschaft muss menschlich und emanzipatorisch werden, an Friedenserhaltung, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit ausgerichtet sein und nicht bloß an wirtschaftlichen Partikulärinteressen, was sich auch im Bildungswesen niederschlagen soll. Es wäre zu untersuchen, ob und wie weit Persönlichkeitsbildung (Fähigkeiten zur Kooperation, Selbstkritik, Empathie, Großzügigkeit, Selbstlosigkeit, Perspektivenwechsel, interkulturelle Erfahrungen etc.) im Zuge des Bildungswesens explizit vermittelt werden kann.

Soziale Experimente alternativer Arbeits- und Lebensformen auf freiwilliger Basis sollen nicht verhindert, sondern gefördert, durch Begleitforschung professionalisiert und in den Massenmedien verbreitet und zur Diskussion gestellt werden. Beispiele sind zahlreich: Studienzirkel, regionale Tauschkreise, open source Bewegungen, creative commons, targeted intelligence networks, Kommunen aller Art etc.

Was soll man dazu sagen? Was soll man sagen? Das ist vielleicht das Problem: “Wissenschaftliches Denken darf nicht auf der Ebene des Positivismus stehenbleiben, sondern muss mit Wertfragen und ethischen Dimensionen zusammengeführt werden.” Diesen Imperativen zu gehorchen ist die Voraussetzung dafür, dass sie ihre Arbeit tun.

Ästhetik des Fensterputzens

Schon lange habe ich nichts so Gutes gelesen wie Michael Frieds Arbeit über den US-amerikanischen Fotographen Jeff Wall, seine Fotoinstallation, aufgenommen im Mies van der Rohe Pavillion in Barcelona, und ein Fragment Wittgensteins über Kunst “auf der Bühne” und nach der Entfernung des Theaterrahmens. Sie ist erschienen in Why Photography Matters as Art as Never Before.

EIne Version des Textes ist online: Michael Fried: Jeff Wall, Wittgenstein, and the Everyday

cleaning

Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona 1999
Transparency in lightbox 1807 x 3510 mm
Collection of the artist, on permanent loan to the Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
Cinematographic photograph
© The artist

Ein Videoclip bringt die ersten 9 Minuten des Vortrags, aufgenommen im MuMok 2007:

[youtube WxPABneNmrU super video]

faustisch

Das Unternehmen, ab dem Wintersemester 2009/10 ein 3-jähriges PhD-Studium einzurichten, ist Ende des vergangenen Jahres auf ein unerwartetes Hindernis gestoßen. Eine (im Entwicklungsplan der Universität Wien festgeschriebene) Neuerung hat den Unwillen der Fakultäten für Chemie und Physik erregt. Dissertationsprojekte sollen in Zukunft einer Fakultätsöffentlichkeit vorgestellt werden, bevor die Studierenden eine Betreuung zugewiesen bekommen. Dagegen wurden patentrechtliche Bedenken vorgebracht.

Im Bereich der Physik und Chemie sind Doktorarbeiten, welche sich auf Projekte stützen, bzw. durch diese finanziert werden, der Normalfall. Weiters werden diese Projekte bereits im Vorfeld von internationalen Fachgutachtern begutachtet und bewertet. … Weder ein DPSL (sic!) noch ein noch so klug zusammengesetzter Doktoratsbeirat können daher eine projektgestützte bzw. projektfinanzierte Doktorarbeit kompetenter beurteilen als internationale Fachgutachter. … Auf diese Weise würden sich auch mögliche patentrechtliche Probleme … vermeiden lassen.

Das ist eine bemerkenswerte Passage. Sie schlägt einen Bogen von Projekten, wie sie in den Naturwissenschaften üblich sind, zu deren internationaler Begutachtung und der damit mitgelieferten Qualität, die an der Universität Wien gar nicht mehr zum Thema werden sollte. Es wird so getan, als ob es nur Vorschläge gäbe, die innerhalb der “scientific community” nach allgemeinen Standards geprüft und finanziert würden. Verschwiegen wird dabei, dass es auch Dissertationsvorhaben gibt, die pragmatischer angelegt sind und gemischt akademisch-kommerziellen Interessen dienen.

Wissenschaftler der genannten Fakultäten haben Beziehungen zu Firmen, die Forschungsergebnisse zu Patenten machen (und damit der populären Aufforderung nachkommen, Forschung und Wirtschaft zu verbinden). Paul A. David hat dazu in zwei Beiträgen Can ‘Open Science’ be Protected from the Evolving Regime of IPR Protections? und Innovation and Universities’ Role in Commercializing Research Results wichtige Überlegungen vorgelegt. Die Funktion der Öffentlichkeit, von der Andreas Kirchner im vorigen Beitrag schreibt, und das Interesse der Geheimhaltung sind nicht leicht vereinbar.

Etwas mehr dazu in meiner Vorlesung. Inklusive eine Recherche, die eine schöne Pointe hervorhebt: Auch im kommerziellen Umfeld, wird eine literarische Einbettung nicht verschmäht.

faustuslogo

Vortrag: Wie man wissenschaftliche Qualität beurteilen kann

Heute, 07. Jänner 2009, 19:00 Uhr, HS 3D im NIG findet ein Vortrag von Falk Reckling, dem Leiter der Sozial-&Geisteswissenschaftlichen Abteilung des FWF (Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung) statt, in der er – so kündigt der Titel des Vortrags zumindest an – über Qualitätsmaßstäbe für wissenschaftliche Arbeiten spricht.

Google sagt mir, dass Dr. Reckling etwas für die Open Access-Initiative übrig hat (ORF-Beitrag), in einfachen Worten: Forschung, die von öffentlicher Hand bezahlt wird, soll auch der Öffentlichkeit zugänglich sein.

  • Liste von Open Access Zeitschriften (geordnet nach Fachbereichen)
  • OAI-Suchmaschine (OAI: Open Archive Initiative) OAIster (Diese Art von Suchmaschinen vernetzen die verschiedenen OAI-Repositories basierend auf dem OAI-PMH-Standard, der dafür sorgt, dass die Metadaten der einzelnen Artikel bei allen OAI-Repositories maschinenverarbeitbar sind)
  • SCIRUS (sucht auf “480 million science-specific Web pages”, also nicht nur auf OpenArchive-Repositories)
  • Open Access-Informationsplattform (viele Links, gute Erklärungen)

Mal sehen, vielleicht initiiere ich einen Live-Blog oder berichte nachher über interessante Punkte – sofern erkennbar.

UPDATE:

Das Publikum war relativ schmal, wahrscheinlich wegen dem neuen Jahr ( ca. 20 Leute inklusive Vortragender,UniversitätsmitarbeiterInnen und OrganisateurInnen); ich habe ca. 5 studierende erkennen können.

Der wichtigste Satz kam eigentlich schon am Anfang: Die Qualität der Wissenschaftlichen Arbeit muss nach Verfahren erfolgen, die nachvollziehbar, transparent und schwer manipulierbar sind. (Ich vermute, dass die Nachvollziehbarkeit & Transparenz mit Manipulierbarkeit kontrahiert -> hohe Transparenz über das Auswahlverfahren -> steigende Möglichkeit, das Verfahren zu manipulieren).

Warum man überhaupt Leistung in der Forschung messen will, wurde folgendermaßen begründet:

  • Man kann etwas zur Rechtfertigung angeben, wie man öffentliche Mittel verwendet (Ich denke, wenn die Publikationsstrukturen einfacher wären, könnten sich Geldgeber als auch Steuerzahler als auch die Forschercommunity selbst ein Bild von den Publikationen machen; viele Augen sehen manchmal besser als eine Zahl)
  • Selektion, um Lobbyismus und nicht-wissenschaftliche Kriterien auszuschließen
  • Orientierungsmöglichkeit für Studenten, Forscherinnen und Geldgeber (man kann nicht alle Publikationen lesen)
  • Wettbewerb (Leistungsmotivierendes Umfeld)
  • Reputation und Mittelvergabe für kompetente Forscher

Danach kam eine Vorstellung der üblichen Verfahren, die man im Wissenschaftsbetrieb zur Beurteilung der Qualität von Publikationen normalerweise anwendet:

  • Peer Review
  • Metriken, speziell Bibliometrie (citation index)
  • informed Peer Review (Die quantiativen Merkmale werden von Experten gewichtet)

Der Vortragende stellt fest (und folgt damit der Empfehlung des deutschen Wissenschaftsrates 2007), dass so etwas wie der citation index zur Zeit in den Sozial-&Geisteswissenschaften nicht machbar ist, dass er aber den Angehörigen dieser Diziplin empfehlen würde, über eine Adaptierung selbständig nachzudenken. “Wenn die Geisteswissenschaftten das nicht selbst tun, dann wird es für sie gemacht” – und das könne negativ für alle Beteiligten sein.

Auch die Gefahren von Leistungsfeststellungen wurden erwähnt:

  • zu viele Evaluationen -> zu hoher Aufwand in Relation zum Nutzen
  • Verabsolutierung von quantitativen Faktoren (manche medizinische Zeitschriften geben den impact factors bis auf die vierte Kommastelle genau an)
  • “dirigistische Eingriffe in den Forschungsalltag”, was die Forschungsfreiräume einengt
  • Strategiefallen: extensive Ausrichtung der Wissenschaftlerinnen an den Evaluationskriterien

In der Diskussion wurde das Argument vorgebraccht, dass die quantitativen Maßstäbe nur für den Mittelmaß gelten würden. Für Genies und die, die ganz unten sind, würden sie keinen Nutzen haben, was der Vortragende auch bestätigte.

Also an sich ein solider Vortrag – nur leider ohne neuer Vorschlage und mit – sogar für mich – altbekannten Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von citation Index und impact factors in den Sozial- und Geisteswissenschaften oder in den Wissenschaften generell. Wie in sehr vielen Bereichen wächst die Komplexität der Probleme, die wir zu bewältigen haben; man sucht Kriterien, und manchmal Algorithmen, mit denen man einerseits alle wichtigen Faktoren berücksichtigen kann und andererseits für die Überprüfung nicht das ganze Leben lang braucht. Das ist verständlich. Die Frage ist, wenn die Algorithmen zu exakt definiert sind, werden viele Forscher nicht zögern, ihre Publikationen auf diese Kritierien auszurichten und dann kommt es wohl sehr schnell zu der Situation, in der zwar die Kriterien eine gute Leistung indizieren würden, man beim Lesen aber einen anderen Eindruck bekommt – wenn man nicht bereits von den Kennzahlen hypnotisiert ist. Die Frage ist, ob es bei dieser Masse an Publikationen ohne Kennzahlen geht und wenn ja, wie sieht die Alternative aus? “Back to the roots” – das wird ohne Zusatzüberlegungen nicht gehen.

Was mir gefehlt hat war die Frage, wie sich die Bewertungsmodelle und auch die Publikationssituation als Ganzes verändern kann und wird angesichts des Open-Access-Ansatzes und der elektronischen Erschließung der Inhalte (Metadaten, Tags, …).

Für mich zeigt die Sokal-Affäre einerseits, und der Vorfall bei der CSSE08 andererseits (es gibt ja noch mehrere ähnliche Beispiele), dass nicht allein die Geisteswissenschaften über ihre Qualitätsmaßstäbe nachdenken müssen. Mein Plädoyier für einen einfacheren Zugang zu den Publikationen (durch Internettechnologien) ist auch keine Garantie für höhere Qualität, jedoch kann ich mir schon vorstellen, dass der länderübergreifende Community-Effekt positive Auswirkungen hat. Er könnte zumindest dazu führen, dass die Arbeiten so geschrieben werden, dass sie nicht nur Expertinnen verstehen (manchmal lässt sich das nicht vermeiden, aber tendenziell könnten übermäßige Spezialisierungen – wo man gar nicht mehr weiß, wie man das verstehen soll – vermieden werden). Die themenbezogene Gesprächskultur in den Wissenschaften (und der Dialog mit der Öffentlichkeit) könnte zunehmen und die Bemühungen um die kleinste publizierbare Einheit unwichtiger werden lassen. Soweit zur Vision.

Eine Sokal-Affäre der Informatik

Gerade bei Heise gelesen: Mit dem Pseudonym Herbert Schlangemann wurde ein mit dem Tool SciGen generiertes, sinnloses Paper mit dem Titel “Towards the Simulation of E-Commerce” an die Reviewer des CSSE 2008 (International Conference on Computer Science and Software Engineering) geschickt. Diese fanden es so toll, dass sie auch ein CV von dem Pseudo-Herren anforderten und ihn sogar zum Leiter des Themenkreises “Distributed and Parallel Computing & Embedded Programming” für die Konferenz machten.

Erinnert mich ein bisschen an Alan Sokal und sein Paper Transgressing the Boundaries: Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity”(Deutsche Übersetzung findet sich hier), das 1996 in der Zeitschrift “Social Text” veröffentlicht wurde.

Naja, seit ein paar Jahren gibt es ja auch Programme, die automatisch generierte Pseudo-Papers identifizieren sollen. Der Krieg kann also beginnen…

Das Problem dürfte jedenfalls nicht nur eines der Poststrukturalisten sein.

Kapstadt Open Education Declaration

Möchte auf etwas Hinweisen: Bin heute auf eine Declaration gestoßen, die sich zum Ziel gesetzt hat, dass Lehr-&Lerninhalte frei und über Ländergrenzen hinweig für alle (z.B. unter einer Creative Commons Lizenz) im Netz zur Verfügung gestellt werden.

Unter related initiatives finden sich eine Reihe von interessanten Anschlussprojekten. Eines davon kommt vom MIT und nennt sich MITOpenCourseware, in der Lehrveranstaltungsinhalte in Form von Videos, Audios oder textuell zur Verfügung gestellt werden. Vor allem die große Anzahl an Lehrveranstaltungen zu den verschiedensten Bereichen hat mich beeindruckt.

Through MIT OpenCourseWare, MIT grants the right to anyone to use the materials, either “as is,” or in a modified form. There is no restriction on how a user can modify the materials for the user’s purpose. Materials may be edited, translated, combined with someone else’s materials, reformatted, or changed in any other way.

Soweit ich gesehen habe, werden aber veränderte Inhalte nicht wieder in die Plattform integriert; trotzdem eine sehr nützliche Dienstleistung.

Wenn man sich die Unterzeichner der oben genannten Deklaration ansieht, findet man leider nur sehr wenig Österreicher und soweit ich sehe niemanden aus den drei großen Universitäten (TU,MUW, Hauptuni) in Wien.

Der Hinweis vom MIT würde für mich aus Studentensicht ganz gut klingen:

[W]e encourage other universities to create their own “opencourseware” in which materials from their courses would be posted online and openly shared with the world. MIT OpenCourseWare is eager to link to other universities or institutions that have similar goals. For more information about how your institution can openly publish its course materials in an OpenCourseWare environment, please visit the OpenCourseWare Consortium site.

Als Mitglieder dieses Open CourseWare Consortium finden sich übrigens die Universität Klagenfurt, Universitäten von Iran, Japan, Korea, Russland, Afghanistan,… Ich weiß ja nicht, in welchem Ausmaß eine solche Mitgliedschaft  einen finanziellen Aufwand erfordert (das MITOCW gibt an, dass sie pro Kurs-Aufbereitung 10.000 – 12.000$ aufwenden müssen – das scheint mir schon etwas hoch gegriffen), aber von der Idee her ist die Initiative eine nähere Betrachtung wert.

Gespräche in Tehran

Was für eine Heuchelei! Die Universität Wien pflegt internationale Kontakte und läßt sich von Iranischen Regierungsstellen den Aufenthalt einer Kontaktgruppe bezahlen. Wir reisen vier Tage durch das Land, treffen uns mit zahlreichen Kollegen und Universitätsfunktionären und finden eine Menge Interesse und Anknüpfungspunkte.

Nur um dann von unserer Universitätsleitung zu hören, dass ein Kooperationsvertrag natürlich nicht in Frage kommt, weil das auf den Widerstand der Kultusgemeinde stoßen würde. Wie der iranische Geschäftsträger uns vorgewarnt hatte: Die einschlägigen Telefonate lassen nicht auf sich warten.

Hier, als kleine Geste in die andere Richtung, Bridge to Iran: Conversations in Tehran.