Zur Freiheit

Eine Notiz in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” präsentierte ein interessantes Resultat der neuronalen Kognitionsforschung. Das bekannte Libet-Experiment wird in der Regel so interpretiert, dass ein “Bereitschaftspotential” vor der bewusst gewollten “Entscheidung” zu einer Handbewegung diesen Vorgang im Gehirn anstößt. Ergo: Menschen glauben nur, aus eigenem Antrieb zu “handeln”. (Hier ein Überblick.)

Ein französisches Forscherteam hat auf der von Libet ausgearbeiteten Grundlage eine andere Interpretation vorgelegt. Es fügte zum Experiment die Aufgabe hinzu, motorisch auf unvorhersehbare Reize zu antworten und kam zum Ergebnis, dass

  • durch die Experimentalsituation eine allgemein erhöhte Handlungsbereitschaft hervorgerufen wird,
  • die nicht direkt mit zielorientiertem Handeln in Verbindung zu bringen ist,
  • sondern an stochastischen Fluktuationen des Nervenapparates hängt

Sowohl Flußkrebse, als auch Menschen, zeigen solche Potenziale. Die Untersuchung ist im Detail für Laien kaum verständlich. Ich erwähne sie wegen einer “open access” Beobachtung.

In den “Proceedings of the National Academiy of Sciences of the United States of America” ist der Artikel seit 6. August erhältlich. Zwei Tage Zugang kosten US$10.00.

Sollte jemand das Dokument jedoch von Pubget.Find papers fast beziehen wollen, zahlt sie US$20.50.

Und hier ist er gratis zu beziehen. Die Absurdität der Wissenschaft als Kleinhandel.

Was ist Ontologie? Hybride Hybris.

Die Insistenz der Leere ‘in-konsistiert’ als Delokalisierung.

“Sein und Ereignis”, Meditation 6: Alain Badiou synchronisiert aristotelische Überlegungen über die Leere mit von der Mengenlehre inspirierten Überlegungen. Oben befindet sich das Ergebnis. Es ist wie wenn einer die Tonspur eines Films auf stumm stellt und eine Radiosendung darüberlegt. Das führt zu neuen Effekten bei der Rezeption: Die Leere wird vom Horror zum Attraktor. Die Argumentation von Aristoteles bleibt weitgehend gleich, mit einer radikalen Wendung: Die Leere ist kein Ort an dem nichts ist, sondern ein Un-Ort, ein einziger a-topischer Punkt, wie die leere Menge.

Kreativ und faszinierend ist das sicher. Was entsteht ist weder die textgetreue Nacherzählung des traditionellen Materials noch eine streng-formalistische Einführung in die Mengenlehre, sondern ein Hybrid, “a system that can both flow and jump”. Ein Hybridauto bringt distinkte Antriebe unter eine Haube. Die Behauptung bei Badiou: Aristoteles metaphysische Schriften und Mengenlehre passen zusammen. Aber wie?

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peer review global

Vor 35 Jahren kannte man als aufstrebender Philosoph im deutschen Sprachraum zumindest einen Professor, der eine Zeitschrift herausgab und jungen Wissenschaftlern eine Publikationsmöglichkeit bot. Auf diese Weise habe ich im Salzburger Jahrbuch für Philosophie, im Wiener Jahrbuch für Philosophie und im Philosophischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft publiziert, bis ich Mut fasste und zur Zeitschrift für philosophische Forschung aufstieg. Der Kreis der Nachwuchstalente war überschaubar. Mentoren, die man damals noch nicht so nannte, kümmerten sich um den akademischen Nachwuchs.

Die Internationalisierung der philosophischen Forschung, der Publikationsdruck und die Ranking-Tabellen haben das gründlich verändert. Vor einem Monat erhielt ich die Anfrage eines renommierten skandinavischen Journals, ob ich einen Artikel über interkulturelle Ethik, “a transdisciplinarity-oriented study” beurteilen wolle. Das ist überhaupt nicht mein Fachgebiet. Irgendeine verquere Assoziation bei einer Google-Suche muss für diese Einladung verantwortlich sein. Neugierig war ich aber schon, daher sagte ich zu.

Wiley ist einer der wichtigsten Verlage im Buch- und Zeitschriftengeschäft weltweit, entsprechend professionell ist die Zugänglichkeit des Artikels und die Handhabung des Review-Prozesses. An die Stelle der persönlichen Bekanntschaft mit “älteren Staatsmännern” tritt eine Suchmaschine, eine Datenbankstruktur und ganz am Ende ein Schiedsrichter. Ich will das nicht abwerten, die Bedingungen haben sich geändert. Aber der Artikel hatte es wirklich in sich. Read more

Das mitten-im-Sommer Philosophie Symposium?

Das jährliche internationale Wittgenstein Symposium in Kirchberg am Wechsel steht seit langem unter einer allgemeinen Vorgabe, die nicht mit Wittgenstein zu tun haben muss. Dem Philosophen ist eine Sektion gewidmet, die anderen ergeben sich aus dem Rahmenthema. Diese Entwicklung ist verständlich, denn es ist praktisch unmöglich, ein derart ambitioniertes, wohldotiertes Treffen im Jahresabstand ausschließlich auf den Namensgeber zu fokussieren.

In diesem Jahr geht es schwerpunktmäßig um Ethik und Gesellschaft, mit einer Reihe interessanter Referentinnen. In der Ankündigung der Sektionen haben die Verantwortlichen einen locker flockigen Stil gewählt:

The symposium will be held from August 5th through 11th, 2012, in Kirchberg am Wechsel, Austria. Contributions may address this year’s general topic: “Ethics – Society – Politics”, and/or all aspects of the philosophy, work and life of Ludwig Wittgenstein.

Sections:
1. Wittgenstein
2. Living – Healing – Dying
3. Justice – Society – Economy
4. Power – Ethics – Politics
5. Humanity – Nature – Technology
6. History – Concepts – Theories
7. Knowledge – Truth – Science

Man fragt sich schon, ob das die neue Form des flächendeckenden Universalitätsanspruchs der Disziplin ist. Sie präsentiert sich als Triaden vage assoziierter Substantiva. Interessant, was sich sonst in dieser Weise verbindet. Hier ein Ergebnis für das erste Trio.

Prayers for Healing, Living & Dying

A Fusion of Horizons?

Andreas Kirchner proposes some guidlines concerning the hermeneutic problems raised by Alain Badiou’s philosophical procedures. He has a suggestive way to describe what a (supposed) inconsistency found in a given text does: it triggers a plan B on part of the reader who supposedly wanted to “consume” the text “as is”. Now, there can be a great number of reactions to being faced with (partial) incomprehensibility. One can be confused, angry or overwhelmed. Hermeneutics is a plan B inasmuch it is a rule-governed enterprise, following an established methodology. One of its main rules is the “principle of charity” we have been discussing as applied to Badiou.

I want to make two points: (1) on the charitable view of Badiou’s use of mathematics and (2) on Gadamer’s “fusion of horizons” as an additional hermeneutical principle.

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Situations and Horizons

The side-discussion about understanding and the prinicple of charity (see article and comments here) does not seem finished to me. In this context, Gadamer comes to my mind: He speaks about the prejudice of perfection (of sense) that gets irritated as soon as the attempt to consider the text as true breaks down (Wahrheit und Methode, Bd. 1., ed. by Mohr, Tübingen 1990, p.299). That such a breakdown is possible indicates that “understanding is primarily to understand the case” and not the text as sequence of strings. In understanding the case, it is possible that something resists to fully accept the text, because the text cannot (always) create the topic/case it is talking about. The resistance could stem from (fruitful) prejudices or because of explicitly formulated judgments. Anyway, if the attempt to consider the text as adequate breaks down, it can lead – as a plan-B – to the effort ‘to understand’ the opinion of the other psychologically or historically.

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The Matheme of the Event

I am a fan of the (probably hermeneutic) idea that if one aims to write an adequate critics/response of a text, one needs to initially assume that the text, this crude and crazy production of thought – is actually adequate. Let’s undertake this apparently naive experiment, that everything written in the text in front of us is correct and if we work hard enough we can make sense out of it. The question then is to observ, pronounce and – if possible – overcome the resistances that our understanding produces when we read the text. With such an assumption we get the chance to describe arguments in the text in a way that makes it more accessible to others (who may have made similar reading-experiences). But secondly – I am convinced – it is one way to better locate flaws, when we at the same time keep in mind that this is an experiment – and that our initial assumption can arguable turn out to be wrong.

The following – very limited – examination deals with one aspect of “Being and Event” (BE), a major work of Alain Badiou, namely the “Matheme of the Event”. Badiou uses a set-theoretical framework in order to analyze how it is possible that a situation – shaped by structures, rules, habits, stabilized knowledge – gets disturbed such that novelties – new perspectives – emerge that were not thinkable within the situation before. The flash that disturbs the situation is called the event.

The context and motivation of this post are (1) recent, unsatisfying critiques and repliques about the status of mathematics in BE – published in Critical Inquiry and (2) the collection of Badiou-related postings in this blog:

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Das treue Subjekt

Ein Beispiel dafür, wie die Politik dem Formalismus Badious vorausgeht, sind seine “Matheme” in Sein und Ereignis 2. Das oben wiedergegebene formelartige Gebilde bezeichnet nach seiner an Lacan geschulten Methode das sujet fidèle (S.61, frz. Ausgabe). Als Erklärung erzählt Badiou die Geschichte vom Spartakusaufstand. Die Sklaven reagierten auf eine Botschaft: Wir wollen zurück nach Hause. Diese Devise trifft unterjochte Körper und führt zu einer Reihe von Entscheidungen, die eine (neue) Gegenwart eröffnen.

Das klingt ganz bieder, aber eigentlich auch wie eine Comicsversion von Geschichte: Inspiration – Mobilisierung – Aufbruch. Und dies ist nun genau der Sinn, den Badiou in das Mathem hineinlegt. Das Epsilon steht für die Spur eines Ereignisses, ein C für corps, unter dem Strich ist der Körper unterworfen. Zusätzlich sind diese unterworfenen Körper verstreut, ohne inneres Ordnungsprinzip, darum wird klein-c durchgestrichen. Disparate Körper unter dem Anspruch der Botschaft produzieren durch ihre Entscheidungen eine Gegenwart (presence, daher das Pi). Insgesamt haben wir es mit einem Subjekt in Treue gegenüber dem initialen Ereignis zu tun.

Diese Gegenwart ist auch eine neue Wahrheit. Sie war in den römischen Zuständen nicht vorhersehbar. Von daher ergibt sich ein Bogen zum Badiou-Zitat, das Andreas Kirchner im vorigen Beitrag anführt und das eine ähnliche Argumentationsform in der avancierten Mengentheorie reklamiert.

Das alles ist mit angehaltenem Atem geschrieben. Es gibt eine Stimme in mir, die einfach herausplatzen will: Was für ein Krampf! “Sowohl als auch”? Ich weiss nicht und brauche Zeit.

Sowohl als auch

In diesem Blog gab es bereits ein paar Artikeln zu Alain Badiou. In der Zeitschrift Critical Inquiry wurde in der Sommerausgabe 2011 eine kritische Analyse von Alain Badious Werk “Sein und Ereignis” geliefert. Die Autoren – die Gebrüder Nirenberg (Ricardo und David) – konzentrierten sich auf den mathematischen, konzeptuellen Bereich des Werks. Ist ihre Diagnose adäquat, hätte das negative Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit des Projekts von “Sein und Ereignis”, in dem ein zentraler Eckpfeiler – Mengentheorie als Ontologie – ins Wanken gerät. Zuletzt wurde in derselben Zeitschrift auch eine Replik zur Kritik veröffentlicht, eingeleitet von Badiou und verfasst von zwei seiner “australischen Freunde” – Bartlett und Clemens: “Neither Nor”. Die Nirenberg-Brüder haben außerdem auf die Replik geantwortet.

Nachdem ich im Sommer die Nirenberg-Kritik gelesen habe, war mein Eindruck, dass sie zwar heikle Punkte erwähnten, dass einige der Einwände sich aber klären lassen, indem man Badious Verständnis von Ontologie ernst nimmt. Bei den anderen Punkten war ich interessiert, wie sich ein Philosoph der Gegenwart dieser Kritik stellen würde. Ich hatte also große Erwartungen an die Antwort von Badiou und dem Badiou-Freundeskreis.

“Aber was für eine Enttäuschung!” um es mit Badious eigenen Worten aus der Replik zu sagen. Mein erster Eindruck: Das ist unter dem Niveau einer wissenschaftlichen Diskussion. Ein destruktives Herumzanken. Personen wird mangelnde Kompetenz, Dummheit oder ideologische Voreingenommenheit unterstellt. Ich war enttäuscht von der harschen, unfreundlichen und proto-aggressiven Antwort, die an die Nirenberg-Kritik gerichtet war. So reagiert man also in der Badiou-Szene auf Versuche, (dunkle) Stellen in “Sein und Ereignis” skeptisch zu analysieren und in Frage zu stellen?

Nun, nachdem der erste Schock über den Stil etwas abgeklungen ist, ein Versuch, dieses Bündel von Kritiken und Repliken zu lesen und nennenswerte Punkte hervorheben. Immerhin geht es ja um ein interessantes, riskantes Thema,  ein zeitgemäßes Verständnis von Ontologie, von Wahrheit, Politik und Mathematik. Ziemlich viel… ich beginne in diesem Artikel mit dem kleinsten Text, Badious Einleitung von “Neither Nor”.

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Fähigkeiten

Von Heinrich Heine stammt die Strophe:

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Das betrifft eine nicht erhörte Liebe, aber die Beschreibung passt auch darauf, wie sich Philosophen von Computerwissenschaftern verstoßen fühlen. Andreas Dengel zeigt der Weisheitslehre die kalte Schulter.

 

Während Menschen in geschriebener oder gesprochener Information selbstständig die Bedeutung erkennen, fehlt Computern diese Fähigkeit. Damit Computer dies trotzdem können, gibt es zwei Optionen: Entweder man versucht den Text oder die gesprochene Sprache mit Hilfe von Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) zu analysieren, um die bedeutungstragenden Wörter zu finden, oder man ergänzt die Information mit Hilfe beschreibender Attribute, wie wir das aus dem Bibliotheksumfeld bereits seit Jahrhunderten kennen. Die extrahierten bedeutungstragenden oder zusätzlich deskribierenden Wörter nennt man Metadaten.

Können ein Stein oder ein Eisenstück “der Schwerkraft gehorchen”? Ein Tier hat sicherlich die Fähigkeit, sich im Raum zu orientieren. Es gibt verschiedene Ansprüche, die man an den Gebrauch des Wortes “Fähigkeit” stellen kann. Selbständig Bedeutungen erkennen ist eine Fähigkeit, die zu beurteilen wiederum an der Bedeutung von “selbständig” und “Bedeutung” hängt.

Hier ist viel Platz zur Diskussion und für verschiedene Schwerpunktsetzungen. Aber was Dengel vorschlägt ist ein Witz. Um Computern die Bedeutung eines Ausdrucks zu lehren, welche sie nicht selbständig erfassen können, schreibt man weitere Ausdrücke dazu (und hebt diese syntaktisch vom ersten Typ der Worte ab). Damit ist das Problem gelöst: ” Damit Computer dies trotzdem können …”