Der Zenmeister, der Krug und das Ereignis

Alain Badiou verbindet Mengentheorie mit Existenzialismus, oder soll man sagen, dass er sie durchmischt? Die Grundlegung der Mathematik befasst sich nicht mit Zeit, die menschliche Existenz dagegen ist immer im Augenblick verletzlich. Es gibt zwar einen Rundumblick, innerhalb dessen Menschen das sind, was sie waren und sein werden. Grammatisch kann das mittels der Vorzukunft ausgedrückt werden: “Ich werde sein, was ich schon gewesen bin”. Die Schwierigkeit ist, dass dabei die umwerfende Überraschung (“das Ereignis”) fehlt, die Badious Theorie ebenfalls vorsieht.

Ein Konzert hat mich auf den Gedanken gebracht, dass zu Badious Mixtur auch Zen gehört. (Das wird er vielleicht ungern hören.) Dan Tepfer spielte Bach, er hat 2009 eine CD mit Lee Konitz aufgenommen. In deren liner notes findet sich eine Zen Episode, von der eine Variation nach Alan Watts folgendermaßen lautet.

 

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Zur Freiheit

Eine Notiz in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” präsentierte ein interessantes Resultat der neuronalen Kognitionsforschung. Das bekannte Libet-Experiment wird in der Regel so interpretiert, dass ein “Bereitschaftspotential” vor der bewusst gewollten “Entscheidung” zu einer Handbewegung diesen Vorgang im Gehirn anstößt. Ergo: Menschen glauben nur, aus eigenem Antrieb zu “handeln”. (Hier ein Überblick.)

Ein französisches Forscherteam hat auf der von Libet ausgearbeiteten Grundlage eine andere Interpretation vorgelegt. Es fügte zum Experiment die Aufgabe hinzu, motorisch auf unvorhersehbare Reize zu antworten und kam zum Ergebnis, dass

  • durch die Experimentalsituation eine allgemein erhöhte Handlungsbereitschaft hervorgerufen wird,
  • die nicht direkt mit zielorientiertem Handeln in Verbindung zu bringen ist,
  • sondern an stochastischen Fluktuationen des Nervenapparates hängt

Sowohl Flußkrebse, als auch Menschen, zeigen solche Potenziale. Die Untersuchung ist im Detail für Laien kaum verständlich. Ich erwähne sie wegen einer “open access” Beobachtung.

In den “Proceedings of the National Academiy of Sciences of the United States of America” ist der Artikel seit 6. August erhältlich. Zwei Tage Zugang kosten US$10.00.

Sollte jemand das Dokument jedoch von Pubget.Find papers fast beziehen wollen, zahlt sie US$20.50.

Und hier ist er gratis zu beziehen. Die Absurdität der Wissenschaft als Kleinhandel.

Der Harte, der Smarte und das Auditorium

Noch eine Beobachtung zur Feuertaufe des philosophischen Diplomprüfungszeugnisses, von der hier schon die Rede war.

Die zwei Hauptakteure, David der Harte und Konrad der Smarte, haben geboten, was zu erwarten war: eine nicht besonders inspirierte Showeinlage, eine kluge Replik. Was wehtut, ist die Reaktion des Publikums. Sind Studierende der Philosophie wirklich so unbedacht und nachgerade pöbelhaft? Man sollte, bevor man nach dem Augenschein urteilt, drei Dimensionen unterscheiden.

  • Die Anwesenden sind zu einem bestimmten Zweck versammelt, welchen der Eindringling temporär durchkreuzt. Wer in den Urlaub fliegen will, darf sich über den Streik des Bodenpersonals beschweren. Es gibt eine erlaubte Reziprozität zwischen dem Risiko der Störung und dem Unmut der Gestörten.
  • David der Harte bietet etwas an, nämlich Agitation gegen die Philosophieausbildung, wie er sie sieht. Er tut das lautstark und provokant. Das Publikum, das dieser Agitation ausgesetzt ist, provoziert zurück. Es würde anders reagieren, wenn Jürgen Habermas in der Vorlesung vorbeikommt. Es hat ein Recht, mit dem Gebotenen unzufrieden zu sein.
  • Erst wenn die ersten beiden Umstände berücksichtigt sind, kann man den wunden Punkt der Publikumsreaktion isolieren. Es ist zu vermuten, dass Zweifel über den Sinn des Philosophiestudiums auch im Auditorium zu finden sind, und dass die Gepflogenheiten des Studienbetriebs dazu beitragen, diese Zweifel zu überspielen. Dann stößt die Brandrede die Zuhörer auf einen internen Konflikt und sie reagieren verärgert, weil der Harte sich das erlaubt.

Was ist Ontologie? Hybride Hybris.

Die Insistenz der Leere ‘in-konsistiert’ als Delokalisierung.

“Sein und Ereignis”, Meditation 6: Alain Badiou synchronisiert aristotelische Überlegungen über die Leere mit von der Mengenlehre inspirierten Überlegungen. Oben befindet sich das Ergebnis. Es ist wie wenn einer die Tonspur eines Films auf stumm stellt und eine Radiosendung darüberlegt. Das führt zu neuen Effekten bei der Rezeption: Die Leere wird vom Horror zum Attraktor. Die Argumentation von Aristoteles bleibt weitgehend gleich, mit einer radikalen Wendung: Die Leere ist kein Ort an dem nichts ist, sondern ein Un-Ort, ein einziger a-topischer Punkt, wie die leere Menge.

Kreativ und faszinierend ist das sicher. Was entsteht ist weder die textgetreue Nacherzählung des traditionellen Materials noch eine streng-formalistische Einführung in die Mengenlehre, sondern ein Hybrid, “a system that can both flow and jump”. Ein Hybridauto bringt distinkte Antriebe unter eine Haube. Die Behauptung bei Badiou: Aristoteles metaphysische Schriften und Mengenlehre passen zusammen. Aber wie?

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diplombrennt

Die Verbrennung des Diplomprüfungszeugnisses durch David Tynnauer hat eine Spur durchs Netz gezogen. Zahlreiche flapsige Bemerkungen und einige überlegte Kommentare. Soweit ich sehe hat Gianna Reich den von Herrn Tynnauer auf Youtuber hochgeladenen Clip als Erste über Twitter geschickt. Eine rapide Verbreitung fand die Nachricht über das Blog der Bildzeitung. Der Perlentaucher bezog es von dort, die Geisteswirtschaft, das Lauerbrett, die Twitter-Trends. Weiter zu Siggi Becker auf Google+ usw.

Auf “quatsch” sorgte der Beitrag Andreas Kirchners für eine rekordverdächtige Zahl von Zugriffen vom “Bildblog”. Es war eine “Eintagsfliege”: nach den 1600 Klicks am 10. Juli fiel die Frequenz sofort wieder zurück. Um im Geschäft zu bleiben, muss man Nachfolgeeffekte und zur rechten Zeit neue Impulse generieren. Das ist nicht neu, Printmedien funktionieren genauso. Wie sieht es mit der verhandelten Sache aus? Unterscheidet sich eine webdokumentierte Aktion von einem Zeitungsbericht?

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Brennende Fragen

Ein Auftritt des Künstlers und Absolventen des Philosophiestudiums David Wendefilm alias David Tynnauer in der Vorlesung “Antiakademisches Philosophieren” und die daran anschließende Diskussion im Philosophieforum hat mich dazu motiviert, einen unfertigen Blogpost über die Tätigkeit des Studierens umzuschreiben.

Alexander Van der Bellen hat in seiner letzten Rede im Parlament darauf hingewiesen, dass man an der Uni nicht lernt, wie man gute, ausgefeilte Reden vor einem großen Publikum hält, sondern “auf der Uni sind wir gewohnt, alles zu überdenken, neu zu prüfen; könnt nicht irgendwo ein Fehler sein, usw.”

Der Auftritt von Herrn Wendefilm wirkt sehr souverän; was angesichts der Rückmeldungen des Publikums und dessen, was man sonst so bei Referaten in Seminaren am Institut kennt, bemerkenswert ist. Ich möchte mir die Sache näher ansehen.

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Rechnen und Denken

Können Computer denken?

Ein im Jahr 1950 von Alan Turing entwickelter Test versucht diese Frage durch ein spezielles Setting zu normieren: Es gibt 3 Spieler A, B und C. Spielerin C ist ein Mensch und muss auf Basis eines Frage- und Antwortspiels über einen limitierten Kanal herausfinden, wer Mensch und was Computer ist. Kann C das nicht, muss sie davon ausgehen, dass auch Computer denken können (oder vorsichtig formuliert: C stellt fest, dass sie beim Output von denkenden Wesen und von Computern über diesen Kanal keinen feststellbaren qualitativen Unterschied erkennen kann).

Würde C ausschließlich die Meldungen zu ihrem Geburtstag auf Facebook einem Turing-Test unterziehen, könnte sie sie zu dem Schluss gelangen, dass ein Großteil ihrer “Freunde” sich wie einfallslose Maschinen verhalten, jedoch mehr Rechtschreibfehler machen.

Der Streit ist vorprogrammiert, wenn es um die Unterscheidung von Simulation und echtem, menschlichen Verhalten geht. Als ob wir ignorierten, dass die Tricks der Simulation von unserem eigenen Wunsch ausgehen, uns selbst zu überraschen, zu täuschen oder zu entlasten. Die zum Leben erwachte, verselbständigte Maschine ist von uns selbst angetrieben.

Zum 100. Geburtstag von Alan Turing schiebe ich den Turing-Test zur Seite. Zum Vorschein kommen die Turing-Maschine und die Frage nach der Relevanz in Informatikforschung und Softwareverwendung. Read more

Interpretationsschwierigkeiten in Kharkiv

Die eine Schwierigkeit ist die Landkarte, mit der die BBC Dokumentation über Stadiums of Hate die geographische Lage Österreichs gegenüber Polen veranschaulicht.

Weniger amüsant ist die Sequenz, in der ein Polizeioberst aus Kharkiv den Hitlergruß erklärt, den die Fussballfans im Metalist Stadion praktizieren: “They are pointing to their opponents”. Und er blickt zur Seite.

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peer review global

Vor 35 Jahren kannte man als aufstrebender Philosoph im deutschen Sprachraum zumindest einen Professor, der eine Zeitschrift herausgab und jungen Wissenschaftlern eine Publikationsmöglichkeit bot. Auf diese Weise habe ich im Salzburger Jahrbuch für Philosophie, im Wiener Jahrbuch für Philosophie und im Philosophischen Jahrbuch der Görres-Gesellschaft publiziert, bis ich Mut fasste und zur Zeitschrift für philosophische Forschung aufstieg. Der Kreis der Nachwuchstalente war überschaubar. Mentoren, die man damals noch nicht so nannte, kümmerten sich um den akademischen Nachwuchs.

Die Internationalisierung der philosophischen Forschung, der Publikationsdruck und die Ranking-Tabellen haben das gründlich verändert. Vor einem Monat erhielt ich die Anfrage eines renommierten skandinavischen Journals, ob ich einen Artikel über interkulturelle Ethik, “a transdisciplinarity-oriented study” beurteilen wolle. Das ist überhaupt nicht mein Fachgebiet. Irgendeine verquere Assoziation bei einer Google-Suche muss für diese Einladung verantwortlich sein. Neugierig war ich aber schon, daher sagte ich zu.

Wiley ist einer der wichtigsten Verlage im Buch- und Zeitschriftengeschäft weltweit, entsprechend professionell ist die Zugänglichkeit des Artikels und die Handhabung des Review-Prozesses. An die Stelle der persönlichen Bekanntschaft mit “älteren Staatsmännern” tritt eine Suchmaschine, eine Datenbankstruktur und ganz am Ende ein Schiedsrichter. Ich will das nicht abwerten, die Bedingungen haben sich geändert. Aber der Artikel hatte es wirklich in sich. Read more

Gobbledegeek

Definition:
gobbledegook: Babbling incoherently, making no sense, Being completely random.

 

 

The usability of the portal “designed” to administer EU research projects is a desaster. But wait till you are finally unable to figure out what is going on and forced to contact the helpdesk. You are presented with a form to fill in a description of the problem. After you have done so you receive a letter asking for you ID on the system – as if this could not be included in the form. This is what I got after providing the missing piece of information:

Hello,

We received so many emails daily and we base our resolution based on your info provided.
Please reply to the original email you sent us with this info so I can further analyze the issue.

The first sentence is just sloppy language: past instead of present time, confusing iteration of terms (“base”). “Resolution” of what? But the second sentence is an extraordinary show of confusion.

The customer has sent a mail to enquire about a problem. He is now asked to reply to this original mail, as if he were not only the sender, but also the recipient. Given that I reply to myself, how can another person analyze the issue?

Am I being too hard on the poor fellow on the other end of the line, or should one, in administering a research project that pays out the amount of 2 million EURO, be entitled to expect basic logic from the IT support?