Wutbürger gegen Weltbürger

Es ist schon lange her, seit mich Beschimpfungen und üble Nachrede in Internetforen geärgert haben. Die in letzter Zeit häufiger werdenden Klagen über Hasspostings nahm ich als Nebenerscheinung des allgemeinen Niedergangs des Social Webs. Das hat sich gestern schlagartig geändert.

In Sachsen, ein Wochenendbesuch, kam die Rede auf eine Veranstaltung am 8.März in Dresden. Durs Grünbein und Uwe Tellkamp diskutierten über Meinungsfreiheit. Der Anlass war eine Konfliksituation anlässlich der Frankfurter Buchmesse, die sich in Leipzig wiederholt hatte. Durs Grünbein sprach davon, dass die Menschen in einer Demokratie wie der Bundesrepublik Deutschland mitgestalten und ihre Machtlosigkeit nicht beklagen müssen. Uwe Tellkamp dagegen beklagte sich vehement über das Meinungsdiktat der antifaschistisch-grün-linksliberalen Presse. Und über Merkel und Migranten.

Eine Gesprächspartnerin im kleinen Kreis war ganz auf der Seite Tellkamps. Er sage es, wie es ist: Grünbein sei abgehoben, vage und konfus. Die Dresdner Diskussion ist auf Youtube zu haben. Dort erlebt man ein blaues Wunder. Nicht wegen der Videoaufnahme selbst, obwohl die ziemlich heftig ist, sondern wegen der Kommentare, Sie sprechen für sich. Oder sollte man sagen, dass sie für sich selbst kläffen?

Drei Könige im Stimmbruch (1)

 

Ein Beitrag in drei Abschnitten:

 

Stilwechsel

Der Umbau der Bankfiliale dauerte beinahe zwei Jahre, mit eindrucksvollem Ergebnis. Keine Schalter zum Anstellen mehr; kein optisch abgetrennter Servicebereich; Laptops statt Stand-PCs für Bankangestellte. Eine frei im Raum positionierte Begegnungstheke, an der die Mitarbeiterinnen sich formlos um die Kundinnen kümmern, gleichzeitig eine Batterie von Selbstbedienungsgeräten im Seitentrakt. Ein grüner Wall und großformatige digitale Schautafeln als Wanddekoration.[1. Siehe die Strategie dahinter.] Der Zweck ist gleich geblieben, die Mittel wurden gründlich revidiert. Ähnlich bei Supermärkten und in Apotheken. Aber was ist, wenn sich das Sternsingen neu darstellt?

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Drei Könige im Stimmbruch (2)

 

Ein Beitrag in drei Abschnitten:

 

Zwischenstufen

Banken und Sternsingen kann man eigentlich nicht vergleichen. Große Konzerne planen die Reorganisation ihrer Serviceleistungen generalstabsmäßig; ein alter Brauch wie das Dreikönigssingen wird dezentral, in vielfachen Abwandlungen, praktiziert. Der Vergleichspunkt ist auf ein Thema eingeschränkt: die kreative Störung herkömmlicher Verhaltensmuster durch Design im Zeitgeist. Was ändert der Sternsingerrap an den Auftritten, die wir kennen? Ein Video wird die jährlichen Rundgänge nicht revolutionieren, aber es schafft einen neuen Vergleichsmaßstab. Es öffnet eine Schere zwischen mitgefilmten Auftritten realer Sternsingergruppen und der kunstvollen Projektion ihrer Formen und Ideen in die Welt der Video-Promotion.

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Drei Könige im Stimmbruch (3)

 

Ein Beitrag in drei Abschnitten:

 

Rap ist extrovertiert, das macht einen Hauptunterschied zwischen der Ästhetik der Krippenspiele und der pointierten Inszenierung des Neuen aus. So gesehen ist es Geschmackssache, ob jemand auf (oftmals verlegene) Besinnlichkeit oder kecke Aufmüpfigkeit anspricht. Eine Bereicherung des Formeninventars sind die Rapversionen allemal. Es kommt “Schwung in die Sache”. Das führt zurück zum Thema Modernisierung. Wer zahlt drauf beim Schwung? Ein Bedenken gegen die neuen Töne verweist auf die Beschaffenheit religiöser Erfahrung.

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es wird schon werden

 

Maria Kakogianni spricht Alain Badiou auf eine Besonderheit von Dialogen an[1. Alain Badiou, Maria Kakogianni ENTRETIEN PLATONICIEN]. Ihr Gelingen merkt man erst nach einem Zeitabstand – insofern unterscheiden sie sich von spontaner Übereinstimmung.

A. Badiou stimmt zu und bezieht es auf Platons Dialoge. Sie zielen auf universale Gültigkeit und können nicht im Voraus angeben, auf welchen Wegen sie das Ziel erreichen.

Le dialogue est une opération temporelle, et c’est en ce sens que Platon, via Socrate, parle des ‘longs détours’. Car le mouvement de construction d’un point à valeur universelle ne peut savoir d’avance par quels chemins particuliers il faudra passer. [2. Alle Zitate a.a.O., S. 60ff]

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Revolte per Übersetzung

 

Die “Antigone” des Sophokles ist ein Paradigma des Widerstands. Sie stellt sich gegen ihren Onkel Kreon, als er bei Todesstrafe verbietet, den in der Schlacht getöteten Bruder ordnungsgemäß zu bestatten. Dieser hatte einen Angriffskrieg gegen die Stadt geführt, doch Antigone verteidigt sein Recht auf ein herkömmliches Begräbnis. Lieber wählt sie selbst den Tod, als sich der Rache des Siegers zu beugen.

Soweit ist die narrative Vorgabe unumstritten. Damit ist allerdings noch nichts über die Gründe des Widerstands und über die Verhältnismäßigkeit der Strafandrohung sowie des Einsatzes des eigenen Lebens gesagt. Dazu ist viel geschrieben worden. Ist Antigone eher eine Jeanne d’Arc oder eine Maria Restituta Kafka? Die Frage soll hier offen bleiben. Ein kleines Detail beleuchtet den Beitrag, den Übersetzungen zu dieser Diskussion beisteuern können.

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If Libussa had a Blockchain

The hesitant Austrian writer Franz Grillparzer and his drama “Libussa” from 1848 inspired Herbert Hrachovec and Walter Seitter at the end of a podcast to diagnose contemporary democracies and the role of money. That diagnosis could benefit from a reference to recent developments in monetary systems by bitcoin and blockchain. And the other way around: The “elimination of middlemen” through cryptography and peer to peer networks is an idea that can benefit from hesitation.

 

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betriebsblind?

Vor einiger Zeit ist ein Gespräch mit Anke Graneß in die Philosophische Audiothek aufgenommen worden. Unter dem Titel “Weltweite wirtschaftliche Gerechtigkeit” ging es um einen Artikel, den Frau Graneß publiziert hatte: “Is the debate on ‘global justice’ a global one? Some considerations in view of modern philosophy in Africa”. Den Titel der Sendung hätte man vielleicht mit einem Fragezeichen versehen können. Allerdings wurde gleich zu Beginn betont, dass die Debatte über globale Gerechtigkeit einseitig im europäischen und US-amerikanischen Raum konzentriert ist. Das reichte nicht, um eine massive Kritik zu verhindern.

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Sommerfrüchte

Die Pfirsiche im Bild sind auf der Landstraße im Burgenland gekauft. Sie schmecken, was man visuell nicht darstellen kann, traumhaft.

Warum sind solche Produkte in den heimischen Supermärkten kaum zu finden? Dort dominiert “San Lucar” (Spanien) die Obstregale. Was die Agrarindustrie mit der lokalen Umwelt gemacht hat, ist aktenkundig.

Supermarkt heißt allerdings auch Massenkonsum. Die österreichische Produktion von Saturnpfirsichen wäre wohl nicht groß genug, die Nachfrage zu decken, wenn die Qualität dieses Obstes konsequent beworben würde. Ohne Import steigen in diesem Fall die Preise und damit tendiert die Ware dann zum Luxus.

Das wiederum kollidiert mit dem ersten Gedanken. Was auf der Landstraße zu kaufen war, kann eben nicht ohne Verwicklung in den Welthandel günstig für alle Marktteilnehmerinnen angeboten werden. Der “gute Geschmack”, verallgemeinert auf die Gesamtbevölkerung des Landes, kostet.

Das ist nur eine Gedankenskizze zur Pfirsichernte. Eine Impression aus der Spargelzeit verdeutlicht das Dilemma von einer anderen, humoristischen, Seite.

Ein BILLA im östlichen Niederösterreich bietet an hervorgehobener Stelle österreichischen Bio-Spargel an. 6.- € das halbe Kilo. Einige Schritte weiter wird es billiger. Die italienische Variante kostet 4.- € und die chilenische nur 2.80.- €. (Sie wird, in Chlorlake konserviert, über den Atlantik verschifft.)

Der teure österreichische Spargel stammt von einer 10 km entfernten Landwirtschaft. Dort kostet er ab Hof 3.50.- €. Geht doch beides!